Bestandsaufnahme
Neulich wurde mir bei einem Impuls das Lied „Bestandsaufnahme“ von Julia Engelmann vorgespielt. Sie ist Schauspielerin, Poetry-Slammerin, Dichterin und Sängerin. Der Text hat mir sehr gefallen, weshalb ich gerne Teile davon hier weitergeben möchte:
Bestandsaufnahme Teil eins von drei: was ich nicht hab:
Ich hab' keine Schokoladenseite, keine Macht,
keine Kneipe, kein Plan B, kein Plan A,
keinen Wunschpunkt, wenn ich "Gatsmas" sage,
kein gutes Bauchgefühl, weil ich es mit Hunger verwechsle.
Ich hab kein Ordnungsempfinden, obwohl ich Ordnung sehr schätze.
Ich hab′ noch nie Sternschnuppen, nie Glühwürmchen, nie Titanic gesehen,
Ich kann nicht smalltalken, nicht moonwalken.
Bestandsaufnahme Teil zwei von drei: was ich hab, aber nicht will:
Ich hab' so bescheuert viel Angst, mich falsch zu entscheiden,
irgendwo wegzugehen, wenn ich mir eigentlich gerade nur wünsche zu bleiben
Angst, Fehler zu machen, auch wenn ich weiß, dass sie wichtig sind,
Angst, zu spät zu bemerken, welche Wege doch richtig sind,
Angst davor, wie schnell die Zeit vergeht, dass ich sie nicht richtig nutze,
Angst, dass ich nicht umsetzen kann, was mir eigentlich lange bewusst ist.
Und was ich noch hab, ist das Gefühl, alle anderen sind besser.
Bestandaufnahme Teil drei von drei: was ich hab:
Ich hab′ so viele Dinge, viel mehr als ich er- und vertrage,
mehr Schmuck als ich eigentlich trage
und ein Einrad, mit dem ich nie fahre.
Ich hab Augen, die, was ich betrachte, auch tatsächlich sehen
und Beine, die stolpern und tanzen oder tatkräftig gehen.
Ich hab mein Leben, das endlich ist
und nicht selbstverständlich ist.
Eine Seele, vielleicht, auch wenn der Gedanke befremdlich ist.
Ich hab' noch was, das vergesse ich oft
Dann muss ich mich wieder besinnen
Ich habe tausend Gründe zum Lachen, bloß einen zum Weinen
Und vor allem so viel zu gewinnen.
Hören Sie es sich doch mal als Lied im Internet an, ich finde es geht unter die Haut.